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Ausstellung: Die Odenbacher sind zurückgekehrt

10.09.2013

Die Odenbacher sind zurückgekehrt

Beim Betreten der Synagoge hat der Besucher den Eindruck, dass bereits mehrere Personen im Synagogenraum zugegen sind. Der Eindruck entsteht, da lebensgroße Abbilder von ehemals in Odenbach beheimateten jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern in den Raum hineinkomponiert sind. Sie hatten viele Jahre als „Odenbacher“ im Dorf gelebt, bis ihnen als jüdische Bürger ein Weiterleben in ihrer Heimat nicht mehr möglich war.

(Bild: Die Künstlerin Tatjana Utz und ein Helfer montieren eine Personenabbildung)

Im Rahmen des Kunstprojekts „Geschichte und Geschichte“ hatte die Künstlerin Tatjana Utz aus München vor einigen Jahren die Personenabbildungen gefertigt, mit dem Ziel, im Synagogenraum die Geschichte erlebbar zu machen. Nachdem die Exponate seinerzeit mehrere Monate als Kunstinstallation in der Synagoge Odenbach zu sehen waren, sind sie nun wieder in die Synagoge zurückgekehrt.

Die Künstlerin arbeitete in einer ihr eigenen Weise. Nach Interviews mit Nachkommen oder Verwandten schuf sie gemäß deren Eindrücken die Abbilder. Ihr Ziel war und ist es, für die Menschen in der Region den Synagogenraum bewusst erlebbar zu machen und durch die Verbindung von Kunst und historischem Hintergrund unterschiedliche Besuchergruppen anzusprechen und den Ort neu zu beleben. Ihre sehr lebensechten Darstellungen ehemaliger jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger hauchen förmlich dem Innenraum der Synagoge neues Leben ein. Es entsteht der Eindruck: „Die Odenbacher sind zurückgekehrt!“

Die Vorsitzende des Fördervereins, Ursula Woehl, sagt dazu:

Es sind die heiligen Orte und Steine, mehr aber noch die Erzählungen und Erinnerungen, die unseren Charakter und unsere Lebenseinstellungen prägen. Erst durch die erzählten Erlebnisse und Erfahrungen werden aus Steinen und Häusern für uns Orte von Bedeutung, die unser Leben beeinflussen.

Vielen herzlichen Dank an Tatjana Utz für die erneute und endgültige Installation der Ausstellung in diesem Raum. Sie hat dem Förderverein einen kostbaren Schatz anvertraut.

Zwei Odenbacher Familien werden gezeigt – als Beispiel für viele andere jüdische Familien, die in Odenbach wohnten.

Zunächst Familie Felsenthal mit Albert Felsenthal (1880-1967), der als selbständiger Kaufmann ein Gemischtwarengeschäft betrieb. Die Firma Felsenthal konnte sich nach der Weltwirtschaftskrise 1930 nie mehr richtig erholen. Im „3. Reich“ war der Warenverkauf zusätzlich durch antijüdische Propaganda erschwert. Obwohl in Mischehe lebend, wurde die Familie während der Reichspogromnacht drangsaliert. Albert Felsenthal überlebte die Zeit der Verfolgung als Lagerarbeiter in Stuttgart. Nach dem 2. Weltkrieg kehrte Felsenthal nach Odenbach zurück. In die Dorfgemeinschaft Odenbachs integriert engagierte er sich im Sport- und Gesangverein.

Von den vielen Cousinen und Cousins sind die noch jugendlichen Herbert Felsenthal (1909-1994) und Walter Felsenthal (geb. 1913) abgebildet. Beide entkamen dem Holocaust durch Auswanderung nach Palästina bzw. nach Argentinien. Auch die abgebildete jugendliche Dame Gertrud Felsenthal (1906-1978) entkam der nationalsozialistischen Verfolgung durch Emigrierung.

Ein weiteres Beispiel ist Familie Brück. Als Unteroffizier in einem Infanterie-Regiment nahm Ludwig Brück (1894-1969) am 1. Weltkrieg teil und wurde hoch dekoriert. Er heiratete Anna Körper; sie war evangelisch und Tochter des Gastwirts Jakob Körper. Nach der Reichpogromnacht verzog die Familie nach Wertheim am Main. Als dort ebenfalls die Fensterscheiben zertrümmert wurden, veranlasste Ludwig Brück die Rückkehr der Familie nach Odenbach zum Schwiegervater Jakob Körper. Er selbst zog zunächst in die Gegend um Würzburg, wo er sich relativ sicher fühlte, wurde aber dennoch von dort in die Konzentrationsläger Theresienstadt und Auschwitz deportiert. Er überlebte die Lagerstrapazen und kehrte im Dezember 1945 nach Odenbach zurück. Noch lange Jahre trug Ludwig Brück die Post aus und war zeitlebens treues Mitglied im Sportverein.

Der Vorstand des „Fördervereins ehemalige Synagoge Odenbach e.V.“ ist der Künstlerin Tatjana Utz zu großem Dank verpflichtet, dass die „Besucher“ wieder nach Odenbach zurückkehren konnten. Utz schreibt dazu:

„Nachdem die für die Synagoge angefertigten Personenabbildungen nach der Ausstellung Ende 2008 für einige Jahre Zwischenstation in München gemacht hatten, freue ich mich sehr, dass die dargestellten Mitglieder der Familien Brück und Felsenthal nun an ihren Bestimmungsort zurückkehren – diesmal als feste Installation und fester Bestandteil der Ausstellung. Sie sind nun dort angekommen, wo sie ihrer Geschichte nach verortet sind! Ich hoffe, dass dies dazu beitragen wird, die Geschichte der Synagoge lebendig zu halten.“